„Es ist normal, verschieden zu sein“

Staatsekretär Ludwig Hecke würdigte bei der Abiturfeier außergewöhnliche Leistungen

Beeindruckt zeigte sich Staatsekretär Hecke von den Ausführungen der Schüler. (Fotos: Privat)

Es wurde sehr still in der Aula. Alle vorherigen Hintergrundgespräche und -geräusche verstummten und wirklich jeder lauschte gebannt den Worten Pia Kollbachs. Es war eine zutiefst persönliche und eine zugleich tief ergreifende Rede. Doch die bewegende Rede hielt sie nicht selbst, sondern ließ sie verlesen. Denn Pia Kollbach ist Autistin und kann nicht sprechen, fängt manchmal scheinbar unmotiviert an zu schreien oder Leute in ihrer Umgebung zu umarmen. Dass ihr Verhalten für viele zunächst verstörend wirken kann, weiß sie selbst natürlich am besten und ist daher umso dankbarer, dass ihr gelungen ist, was sie sich so lange gewünscht hat: Sie hat ihr Abitur an einer Regelschule bestanden und das auch noch mit dem Traumdurchschnitt von 1,0, zusammen mit der Mitabiturientin Sonja Hersel der beste Abiturdurchschnitt, der seit Gründung der Gesamtschule erreicht wurde.

Deshalb bedankte sie sich bei allen anwesenden Mitabiturientinnen und -abiturienten, aber auch bei den Lehrkräften für deren Toleranz und Unterstützung. Ein besonderer Dank ging an den ehemaligen Oberstufenkoordinator und ebenfalls bei der Abiturfeier anwesenden Günter Horn, der es Pia Kollbach überhaupt ermöglichte, in der Oberstufe aufgenommen zu werden. Das ist sechs Jahre her und damals war natürlich nicht klar vorherzusehen, dass alles klappen wird, denn natürlich gab es auch Hindernisse zu überwinden und Dinge, die man flexibel handhaben musste. Dafür dankte Pia Kollbach allen Beteiligten in emotionalen Worten und zitierte den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der einst sagte: „Es ist normal, verschieden zu sein.“

Diese Worte beschreiben eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die aber immer noch an Schulen institutionell eine Herausforderung darstellt, doch seit dem Schuljahr 2012/13 auch das erklärte Ziel der Gesamtschule Leverkusen Schlebusch ist. Dafür gab es sogar anlässlich der Abiturfeier Lob aus dem Ministerium für Schule und Weiterbildung. Ursprünglich wollte die Bildungsministerin Sylvia Löhrmann selbst erscheinen, musste sich dann aber wegen einer anderen Verpflichtung vom Staatssekretär Ludwig Hecke vertreten lassen. Heckes Dank galt allen Lehrkräften und auch allen anwesenden Schülerinnen und Schülern, dass sie den Inklusionsgedanken in der täglichen Arbeit mit Inhalten füllen: „Ich weiß, dass dies alles andere als eine leichte Aufgabe ist und danke dafür Ihnen für Ihr vorbildliches Engagement.“

Zugleich versprach er, dass man von Seiten der Politik weiterhin versuchen werde, die bestmögliche Unterstützung zu gewährleisten: „Es gibt nach wie vor Baustellen und wir müssen und werden noch mehr tun müssen.“ In seiner Rede betonte Hecke aber nicht nur die Heterogenität durch inklusive Lerngruppen, sondern allgemein die Verschiedenheit der Schüler im Lernverhalten und stellte heraus, dass der Umgang der Gesamtschulen allgemein damit vorbildlich sei: „Die Grabenkämpfe und Diskussionen um die Gesamtschule sind Geschichte, das haben auch die Ergebnisse durch das Zentralabitur gezeigt.“ Nicht nur deshalb, sondern auch weil die Gesamtschule vermehrt Schülerinnen und Schülern zum Abitur führt, obwohl deren Bildungsprognosen am Ende der Grundschule etwas anderes vorhergesagt hatten, sei die Gesamtschule ein Erfolgsmodell. Und der Schlüssel des Erfolgs liege darin, „dass jede Schülerin und jeder Schüler in ihrer bzw. seiner Einzigartigkeit gesehen und gefördert wird.“

Davon, dass neben der Inklusion gerade auch die Individuelle Förderung an der Gesamtschule Leverkusen Schlebusch im Fokus der Schulentwicklung stehen, hatte sich Staatssekretär Hecke vor der Abiturfeier noch einen genaueren Eindruck machen können. Er nahm sich die Zeit, sich außer mit Pia Kollbach mit weiteren Schülerinnen und Schülern über die praktizierten Lernkonzepte an der Schule zu unterhalten. Dazu gehörte auch Alexander Kopp, der zwar erst in der sechsten Klasse ist, dafür aber ein Experte ist, was die Individuelle Förderung betrifft und dem Staatssekretär erklärte, wie diese in Form der „Individuellen Lernzeiten“ (ILZ) im Schulalltag funktionieren.

Hecke zeigte sich sowohl von den verschieden Fördermaßnahmen sowie vom Inklusionskonzept der Schule beeindruckt und das vor allem, weil es ein ganzheitlicher Ansatz ist, wie ihm auch Andreas Brenken, der Didaktische Leiter der Schule erklärte: „Wir wollen kein Kind zurücklassen und unabhängig vom Förderbedarf gibt es sowieso kein ‚normales‘ Kind und diese Heterogenität wollen wir konstruktiv nutzen und verstehen von daher die Inklusion insgesamt als Motor für die Schulentwicklung hin zum verstärkt individuellen Lernen.“ Da schließt sich dann wieder der Kreis zur außergewöhnlichen Leistung Pia Kollbachs und den bereits zitierten Worten ihrer Dankesrede: „Es ist normal, verschieden zu sein.“